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Interview mit Roland Reber - Buch und Regie

Interview mit Regieseur Roland Reber

Wie entstand die ursprüngliche Idee zum Film?

RR: Es war bei den Filmfestspielen 2004 in Cannes. Ich hatte eine Verabredung zum Mittagessen mit einem amerikanischen Produzenten und Regisseur. Auf dem Tisch lagen Papiersets mit dem Hinweis auf einen „24/7-Büroservice in Cannes“. Dann habe ich dem Amerikaner gesagt, schau mal, gibt es das bei euch auch, 24/7 – was ja hier in Europa ein Begriff aus der SM-Szene ist. Und dann sagte er, ja, bei

uns haben die Restaurants auch 24 Stunden geöffnet. Dann fingen wir an darüber zu diskutieren, über Wertvorstellungen, über Klischees, weil er kannte nur Klischees. Und da habe ich gesagt, du, ich bin jetzt selbst kein SMer, ich gehöre keiner Szene an, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Dominas so sind, wie sie bei RTL dargestellt werden. Und so wurde das Gespräch immer tiefer und dann haben wir haben gesagt, wäre das nicht ein Thema - dasThema der verdrängten Sexualität: Verdrängt vor den Augen der Mitmenschen, aber vor allem verdrängt vor uns selbst. Und dann haben wir eine sehr lange Recherche begonnen in Striptease-Bars, in Swingerclubs, überall, in den Orten, die es ja angeblich nicht gibt – aber jeder kennt sie. Und so entstand peu a peu die Idee für diesen Film.

In dem Film ist das Thema Sexualität ja auch eine Metapher für die Suche nach Identität. Es ist ein Weg, sich kennen zu lernen, sich durch Selbstdefinition ein bisschen an sich anzunähern.

Und es ging mir auch darum, dass jetzt nicht ein Film entsteht, der sagt, werdet SMer und ihr seid frei,

geht in einen Club und dann ist alles gut, nein. Es ging mir auch um das Thema der Einsamkeit, mit der wir dem Leben gegenüberstehen.

 

Was bedeutet der Titel 24 / 7?

RR: 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche – ein anderer Ausdruck für

„immer“.

 

Der Film spricht von einer „Reise ins Reich der Sexualität“ und spielt auch mit dem uns „Fremden“, wie z. B. einem Domina-Studio. War es für Sie bei den Recherchen auch eine Begehung einer fremden Welt?

RR: Es war ein Eintauchen in eine Welt, die nicht unsere Alltagswelt ist. Aber wir haben den Dialog mit den Leuten aus den jeweiligen Szenen gesucht und versucht die Atmosphäre authentisch wiederzugeben. Das war ja die Problematik, wie schaffen wir es als Nicht-Smer oder Nicht-Swinger das glaubhaft darzustellen.

 

Inwieweit ist der Film Phantasie und inwieweit beruht er auf Recherchen?

RR: Der Film ist fiktiv, beruht aber auf Recherchen, also real existierenden

Phantasien, Personen, Geschichten – sowohl aus dem bürgerlichen Milieu wie zum

Beispiel die Figur des Vaters, als auch aus den jeweiligen Szenen, wie die Figur der

Elfriede -, die dann in die Geschichte eingearbeitet wurden.

War es schwierig, die teilweise sehr expliziten sexuellen Inhalte mit den Schauspielern umzusetzen?

RR: Nein. Jedem Darsteller war es überlassen seine Grenzen selbst zu definieren

und umzusetzen. Diese Arbeitsweise ist mein Prinzip seit über 20 Jahren. Für mich

sind Schauspieler nicht Erfüllungsgehilfen der Regie oder eines Autors, sondern

kreative Künstler, die ihre Rollen selbst gestalten. Zum Dompteur eigne ich mich

nicht. Vielmehr sehe ich mich als Dirigent, der die Zusammenarbeit der Solisten

koordiniert.

 

Ihre Schauspieler sind nicht nur Schauspieler, sondern häufig auch in anderen Bereichen des Filmemachens involviert – wie z.B. bei Schnitt, Kamera, Drehbuch, Produktion etc. Sie selber führen bei 24 / 7 The Passion of Life nicht nur Regie, sondern haben das Drehbuch geschrieben und kümmern sich um den Verleih. Was sind die Vorteile dieser Arbeitsweise?

RR: In der Filmindustrie ist es immer mehr zu einer Spezialisierung gekommen

einer Fragmentierung der Kreativität. Viele Kollegen meinen, es müsste eine Teilung

der künstlerischen, technischen und verwaltungsbedingten Positionen geben. Dieser

Meinung bin ich nicht. Kreativität ist nicht teilbar – nicht getrennt erkennbar – sondern

ist immer ein holistischer Vorgang. Wir sind kein Konzern, der Filme produziert,

sondern Filmemacher. Filmemacher machen Filme. Und das ist eben ein

ganzheitlicher Prozess – und einer der Spaß macht. Mira Gittner z.B. hat nicht nur

eine der Hauptrollen übernommen, sondern auch die Kamera und den Schnitt des

Filmes gemacht und zusammen mit mir das Drehbuch geschrieben. Marina Anna

Eich, ebenfalls eine der Hauptrollen, ist für die internationale Vermarktung, den

Verleih und die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Somit vertreten wir „unseren“ Film

und nicht ein Produkt anderer Leute. Ich würde nie von „meinem Film“ sprechen,

sondern immer von „unserem“ – es ist ein Teamwork. Viele Schauspieler sehen sich

oft selber in einer Erfüllungsposition. Sie sagen: „Ich habe bei einem Film mit

gemacht“. Sie distanzieren sich mit der Begründung, sie seien ja nur Schauspieler.

Bei uns ist niemand „nur“. Die Filmindustrie wird dominiert von Bankern und

Geschäftsleuten. Sie rauben dem Film die Seele. Wenn ich diese aufgeblasenen

Möchtegern-Filmrepräsentanten sehe, weiß ich, dass es Zeit wird den Film wieder an

die zurückzugeben, die Filme nicht als Anlageobjekt, sondern als Aussage sehen –

den Filmemachern.

 

Sie haben an Originalschauplätzen gedreht, u.a. in einem SM-Studio und in einem

Swingerclub. Wie wirkte sich das auf die Arbeit an dem Film aus?

RR: Ein Filmstudio ist immer Kulisse, der das Leben fehlt. Es ist und bleibt ein

künstlicher Ort. Wir wollten an Orten drehen, die es allen Beteiligten erlaubten die

Authentizität zu spüren.

 

Das Umfeld ist nicht ganz alltäglich – gab es Berührungsängste (im Umgang mit den „echten“ Beteiligten)?

RR: Das Set eines Swingerclubs oder eines SM-Studios ist nicht alltäglich, aber die

Menschen, die darin verkehren, sind es. Wenn man hinter die „Kulisse“ und die

„Kostüme“ dieser Bereiche blickt, trifft man auf ganz alltägliche Menschen, die ihre

Alltäglichkeit vielleicht für einen Moment abzulegen versuchen. Ich würde es als ein

Disneyland für Erwachsene bezeichnen.

Und Angst oder Abwehr entsteht ja immer nur, weil wir etwas nicht kennen, weil es

fremd ist. Und ich finde es sehr bedenklich im 21. Jahrhundert, dass es wirklich

passiert ist, als wir gesagt haben, wir drehen einen Film, der u. a. auch in einem

Domina-Studio spielt, dass gebildete, intelligente Menschen ernsthaft gefragt haben,

wie wir uns schützen, wenn wir mit „solchen“ Menschen zu tun haben. Ich fand die

Frage amüsant, denn die Menschen, die ich in dem Studio getroffen habe, waren so

harmlos normal, dass sie sehr enttäuscht gewesen wären, wenn sie da mitgegangen

wären. Aber da ist mir klargeworden, dass sich eigentlich relativ wenig – an der

Oberfläche viel – im Eigentlichen nichts bewegt hat und dass vor allem eine immer

größere Abwehr gegenüber dem uns Fremden stattfindet.

 

Gab es bei den Dreharbeiten eine Erfahrung, die Sie besonders beeindruckt hat?

RR: Mich hat jeder Drehtag beeindruckt. Sicher, es gab viele Erlebnisse, die ab jetzt

zu meinem Anekdotenschatz gehören. Sie alle aufzuzählen würde den Rahmen

dieses Interviews sprengen. Allein die Recherche zu diesem Film hat uns oft in

Situationen gebracht, die Erinnerungswert haben. Zum Beispiel als wir den Drehort

für die Swingerszenen suchten, hatte uns der Besitzer eines Swingerclub fast die Tür

vor der Nase zugeknallt, weil er glaubte, wir seien von den Nachbarn geschickt, um

seine Gäste auszuspähen.

Auch das Casting der „Originalswinger“ hatte seine Reize. Zumal wir erst einmal klar

machen mussten, dass wir keine 160. Folge für „Liebe Sünde“ oder ein

Erotikmagazin von RTL drehen wollen. Wenn Sie den Begriff „beeindrucken“

benutzen, so kann ich Ihnen aus meiner Erfahrung nur sagen, dass etwas einen

Eindruck hinterlässt, was wir noch nicht kennen. Sobald das nicht Gekannte in den

Erfahrungsschatz integriert wird, verliert es seine hervorgehobene Stellung und wird

alltäglich. In unseren Produktionsnotizen können Sie einige Erlebnisse finden, die

das demonstrieren.

 

Was war Ihre Motivation sich mit den Themen sexuelle Obsessionen / Perversionen auseinander zu setzen? Was wollen Sie dem Zuschauer vermitteln?

RR: Sexualität ist ein universelles Thema, das leider allzu oft nur zur

Quotensteigerung thematisiert wird. Ernsthafte Auseinandersetzung – auch mit dem

uns Fremden – findet meist nicht statt. Pervers kommt vom lateinischen „perversus“

(verdreht) – also erst einmal nichts Negatives. In unserer Gesellschaft wird „pervers“

aber meist abwertend verwendet. Pervers sind für mich eher Begriffe aus der Politik

und unserer Sozialmoral. Für mich ist ein Mensch, der sich jeden Tag in Arbeit,

Familie und Gesellschaft prostituiert, perverser, als ein Mensch, der seine sexuelle

Neigung lebt. Natürlich nur dann wenn er die Selbstbestimmung und die Freiheit des

Gegenüber achtet.

In jeder Stadt existieren die Un-Orte (Stripteaselokale, Swingerclubs, SM-Studios, Puffs), die die Gesellschaft schamhaft verdrängt, aber dennoch besucht. Sexuelle Phantasie verstecken viele sogar vor sich selbst. Sie versuchen, sich der vorherrschenden Meinung anzupassen, ja nicht aufzufallen. Aber dadurch machen sie die Phantasien ja nicht ungeschehen. Sie warten eben auf den nächsten Urlaub, den Fasching oder das Oktoberfest....

Das alles war für uns Motivation genug uns dieses Themas anzunehmen.

 

Wie sehen Sie das Thema Sexualität in Bezug zur heutigen Gesellschaft?

RR: Mitte der 70iger Jahre dachte ich, die Zeit der sexuellen Unterdrückung, oder

dass das überhaupt noch ein Thema ist, sei vorbei und jetzt sei das endlich liberal.

Aber ich stelle v. a. seit den 90igern eine starke konservative Tendenz fest, nur dass

der Schein trügt und die Oberfläche liberal erscheint. Man sieht also auf Illustrierten

nackte Körper, die Leute kleiden sich sexy, aber es ist nichts dahinter. Es ist eine

Sexualverleugnung, die stattfindet, die wahrscheinlich auch politisch gewollt ist. Die

Gesellschaft setzt immer bestimmte Spielräume und solange Sie sich innerhalb

dieser Spielräume bewegen - das meine ich mit Oberfläche – erscheint es liberal.

Aber bewegen Sie sich mal außerhalb, dann werden Sie sehr schnell die Grenzen

erfahren. Ich glaube, dass wir endlich zu einer Toleranz innerhalb der Gesellschaft

kommen sollten, in der eine sexuelle Ausrichtung nicht mehr Grundlage einer

beruflichen und sozialen Beurteilung ist, sondern in der das wirklich privat ist.

 

Der Film spielt ja auch mit einer gewissen religiösen Symbolik. Wo sehen Sie den Bezug zur Religion?

RR: In dieser Gesellschaft sind wir alle, ob wir das wollen oder nicht, ob wir einer Religionsgemeinschaft angehören oder nicht, seit 2000 Jahren von einem christlichen Weltbild geprägt. Und somit auch von 2000 Jahren Sexualmoral, die eine Errungenschaft der römisch-katholischen Kirche ist und die unhinterfragt – woher kommt diese Moral, ist sie gebaut, wer hat sie gebaut, warum wurde sie gebaut – unsere Gesellschaft beeinflusst. Ich bin nicht religionsfeindlich, im Gegenteil, ich denke, jeder Mensch sollte an das glauben, was er möchte. Das ist der erste Verbindungspunkt zur Religion. Der zweite ist, dass Sexualität ebenso eine Suche ist nach Identität, nach Überwindung von Einsamkeit, eine Suche nach sich selbst und einem Ursprung, wie auch immer man ihn nennen mag. Religion und Sexualität haben einen großen Bezug, wenn man ihn akzeptiert.

 

Neben den Hauptdarstellerinnen Marina Anna Eich und Mira Gittner sind  in 24/7 The Passion of Life auch Laiendarsteller zu sehen. Wie verlief das Casting zu diesem Film?

RR: Neben zahlreichen Profischauspielern haben auch einige Personen aus der

Szene an dem Film mitgewirkt. Für die Statisten im Swingerclub wollten wir zunächst

„Nicht-Swinger“ einsetzen. Das wäre meiner Meinung nach aber peinlich geworden.

Wer es nicht gewohnt ist im Tigertanga und Reizwäsche auf Barhockern zu sitzen –

und dabei auch noch natürlich wirken soll -, wird an dieser Aufgabe scheitern. Also

haben wir den Swingerclubbesitzer gebeten, unter seinen Gästen zu fragen, wer

Interesse daran hat in einem Film mitzuwirken. Danach hat es viele Gespräche und

eine letztendliche Auswahl gegeben. Die Dreharbeiten waren sehr angenehm, weil

es allen Beteiligten viel Spaß gemacht hat. Im SM-Studio haben die Gäste sehr

schnell mitbekommen, dass Dreharbeiten im Gange waren. Der Eine oder Andere

hat uns angesprochen und wir haben zwei von ihnen ausgewählt.

 

Wie kamen Sie zum Film?

RR: Ich habe 20 Jahre lang als Schauspieler, Autor und Regisseur in Deutschland

und auf internationaler Ebene Theater gemacht. Wenn ich etwas sagen wollte,

schrieb ich ein Stück und inszenierte es. Irgendwann kam der Punkt, an dem mir

bewusst wurde, dass die Bühne beschränkende Grenzen hat, die überschritten

werden sollten. So kam ich zum Filmemachen, weil mir Kino die kreative Freiheit gibt

und es viel näher am Zuschauer ist als das Theater. Für mich ist Filmemachen ein

Dialog und es ist näher an mir selbst. Jedoch, wie ich mich selbst nicht völlig

verstehe, verstehe ich auch meine Filme nicht völlig. Auch wenn die Filme, die ich

mache, eine erkennbare Handschrift haben, so hängt der Stil und die Handhabung

des jeweiligen Films vom Thema ab und das unterscheidet sich vom einem zum

anderen.

 

Was ist Ihr nächstes Projekt?

RR: Zurzeit recherchiere ich zusammen mit Mira Gittner zu dem Thema

Bewußtseinskontrolle. Es ist ein spannendes Thema, das wieder ein heißes, wenn

auch nicht sexuelles, Thema anpackt. Es geht um Manipulation, Geheimforschung und Politik. HIer wäre die Frage nach der "Perversion" angebrachter.

 

 

Interview mit Regieseur Roland Reber

Wie entstand die ursprüngliche Idee zum Film?

RR: Es war bei den Filmfestspielen 2004 in Cannes. Ich hatte eine Verabredung zum Mittagessen mit einem amerikanischen Produzenten und Regisseur. Auf dem Tisch lagen Papiersets mit dem Hinweis auf einen „24/7-Büroservice in Cannes“. Dann habe ich dem Amerikaner gesagt, schau mal, gibt es das bei euch auch, 24/7 – was ja hier in Europa ein Begriff aus der SM-Szene ist. Und dann sagte er, ja, bei

uns haben die Restaurants auch 24 Stunden geöffnet. Dann fingen wir an darüber zu diskutieren, über Wertvorstellungen, über Klischees, weil er kannte nur Klischees. Und da habe ich gesagt, du, ich bin jetzt selbst kein SMer, ich gehöre keiner Szene an, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Dominas so sind, wie sie bei RTL dargestellt werden. Und so wurde das Gespräch immer tiefer und dann haben wir haben gesagt, wäre das nicht ein Thema - dasThema der verdrängten Sexualität: Verdrängt vor den Augen der Mitmenschen, aber vor allem verdrängt vor uns selbst. Und dann haben wir eine sehr lange Recherche begonnen in Striptease-Bars, in Swingerclubs, überall, in den Orten, die es ja angeblich nicht gibt – aber jeder kennt sie. Und so entstand peu a peu die Idee für diesen Film.

In dem Film ist das Thema Sexualität ja auch eine Metapher für die Suche nach Identität. Es ist ein Weg, sich kennen zu lernen, sich durch Selbstdefinition ein bisschen an sich anzunähern.

Und es ging mir auch darum, dass jetzt nicht ein Film entsteht, der sagt, werdet SMer und ihr seid frei,

geht in einen Club und dann ist alles gut, nein. Es ging mir auch um das Thema der Einsamkeit, mit der wir dem Leben gegenüberstehen.

 

Was bedeutet der Titel 24 / 7?

RR: 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche – ein anderer Ausdruck für

„immer“.

 

Der Film spricht von einer „Reise ins Reich der Sexualität“ und spielt auch mit dem uns „Fremden“, wie z. B. einem Domina-Studio. War es für Sie bei den Recherchen auch eine Begehung einer fremden Welt?

RR: Es war ein Eintauchen in eine Welt, die nicht unsere Alltagswelt ist. Aber wir haben den Dialog mit den Leuten aus den jeweiligen Szenen gesucht und versucht die Atmosphäre authentisch wiederzugeben. Das war ja die Problematik, wie schaffen wir es als Nicht-Smer oder Nicht-Swinger das glaubhaft darzustellen.

 

Inwieweit ist der Film Phantasie und inwieweit beruht er auf Recherchen?

RR: Der Film ist fiktiv, beruht aber auf Recherchen, also real existierenden

Phantasien, Personen, Geschichten – sowohl aus dem bürgerlichen Milieu wie zum

Beispiel die Figur des Vaters, als auch aus den jeweiligen Szenen, wie die Figur der

Elfriede -, die dann in die Geschichte eingearbeitet wurden.

War es schwierig, die teilweise sehr expliziten sexuellen Inhalte mit den Schauspielern umzusetzen?

RR: Nein. Jedem Darsteller war es überlassen seine Grenzen selbst zu definieren

und umzusetzen. Diese Arbeitsweise ist mein Prinzip seit über 20 Jahren. Für mich

sind Schauspieler nicht Erfüllungsgehilfen der Regie oder eines Autors, sondern

kreative Künstler, die ihre Rollen selbst gestalten. Zum Dompteur eigne ich mich

nicht. Vielmehr sehe ich mich als Dirigent, der die Zusammenarbeit der Solisten

koordiniert.

 

Ihre Schauspieler sind nicht nur Schauspieler, sondern häufig auch in anderen Bereichen des Filmemachens involviert – wie z.B. bei Schnitt, Kamera, Drehbuch, Produktion etc. Sie selber führen bei 24 / 7 The Passion of Life nicht nur Regie, sondern haben das Drehbuch geschrieben und kümmern sich um den Verleih. Was sind die Vorteile dieser Arbeitsweise?

RR: In der Filmindustrie ist es immer mehr zu einer Spezialisierung gekommen

einer Fragmentierung der Kreativität. Viele Kollegen meinen, es müsste eine Teilung

der künstlerischen, technischen und verwaltungsbedingten Positionen geben. Dieser

Meinung bin ich nicht. Kreativität ist nicht teilbar – nicht getrennt erkennbar – sondern

ist immer ein holistischer Vorgang. Wir sind kein Konzern, der Filme produziert,

sondern Filmemacher. Filmemacher machen Filme. Und das ist eben ein

ganzheitlicher Prozess – und einer der Spaß macht. Mira Gittner z.B. hat nicht nur

eine der Hauptrollen übernommen, sondern auch die Kamera und den Schnitt des

Filmes gemacht und zusammen mit mir das Drehbuch geschrieben. Marina Anna

Eich, ebenfalls eine der Hauptrollen, ist für die internationale Vermarktung, den

Verleih und die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Somit vertreten wir „unseren“ Film

und nicht ein Produkt anderer Leute. Ich würde nie von „meinem Film“ sprechen,

sondern immer von „unserem“ – es ist ein Teamwork. Viele Schauspieler sehen sich

oft selber in einer Erfüllungsposition. Sie sagen: „Ich habe bei einem Film mit

gemacht“. Sie distanzieren sich mit der Begründung, sie seien ja nur Schauspieler.

Bei uns ist niemand „nur“. Die Filmindustrie wird dominiert von Bankern und

Geschäftsleuten. Sie rauben dem Film die Seele. Wenn ich diese aufgeblasenen

Möchtegern-Filmrepräsentanten sehe, weiß ich, dass es Zeit wird den Film wieder an

die zurückzugeben, die Filme nicht als Anlageobjekt, sondern als Aussage sehen –

den Filmemachern.

 

Sie haben an Originalschauplätzen gedreht, u.a. in einem SM-Studio und in einem

Swingerclub. Wie wirkte sich das auf die Arbeit an dem Film aus?

RR: Ein Filmstudio ist immer Kulisse, der das Leben fehlt. Es ist und bleibt ein

künstlicher Ort. Wir wollten an Orten drehen, die es allen Beteiligten erlaubten die

Authentizität zu spüren.

 

Das Umfeld ist nicht ganz alltäglich – gab es Berührungsängste (im Umgang mit den „echten“ Beteiligten)?

RR: Das Set eines Swingerclubs oder eines SM-Studios ist nicht alltäglich, aber die

Menschen, die darin verkehren, sind es. Wenn man hinter die „Kulisse“ und die

„Kostüme“ dieser Bereiche blickt, trifft man auf ganz alltägliche Menschen, die ihre

Alltäglichkeit vielleicht für einen Moment abzulegen versuchen. Ich würde es als ein

Disneyland für Erwachsene bezeichnen.

Und Angst oder Abwehr entsteht ja immer nur, weil wir etwas nicht kennen, weil es

fremd ist. Und ich finde es sehr bedenklich im 21. Jahrhundert, dass es wirklich

passiert ist, als wir gesagt haben, wir drehen einen Film, der u. a. auch in einem

Domina-Studio spielt, dass gebildete, intelligente Menschen ernsthaft gefragt haben,

wie wir uns schützen, wenn wir mit „solchen“ Menschen zu tun haben. Ich fand die

Frage amüsant, denn die Menschen, die ich in dem Studio getroffen habe, waren so

harmlos normal, dass sie sehr enttäuscht gewesen wären, wenn sie da mitgegangen

wären. Aber da ist mir klargeworden, dass sich eigentlich relativ wenig – an der

Oberfläche viel – im Eigentlichen nichts bewegt hat und dass vor allem eine immer

größere Abwehr gegenüber dem uns Fremden stattfindet.

 

Gab es bei den Dreharbeiten eine Erfahrung, die Sie besonders beeindruckt hat?

RR: Mich hat jeder Drehtag beeindruckt. Sicher, es gab viele Erlebnisse, die ab jetzt

zu meinem Anekdotenschatz gehören. Sie alle aufzuzählen würde den Rahmen

dieses Interviews sprengen. Allein die Recherche zu diesem Film hat uns oft in

Situationen gebracht, die Erinnerungswert haben. Zum Beispiel als wir den Drehort

für die Swingerszenen suchten, hatte uns der Besitzer eines Swingerclub fast die Tür

vor der Nase zugeknallt, weil er glaubte, wir seien von den Nachbarn geschickt, um

seine Gäste auszuspähen.

Auch das Casting der „Originalswinger“ hatte seine Reize. Zumal wir erst einmal klar

machen mussten, dass wir keine 160. Folge für „Liebe Sünde“ oder ein

Erotikmagazin von RTL drehen wollen. Wenn Sie den Begriff „beeindrucken“

benutzen, so kann ich Ihnen aus meiner Erfahrung nur sagen, dass etwas einen

Eindruck hinterlässt, was wir noch nicht kennen. Sobald das nicht Gekannte in den

Erfahrungsschatz integriert wird, verliert es seine hervorgehobene Stellung und wird

alltäglich. In unseren Produktionsnotizen können Sie einige Erlebnisse finden, die

das demonstrieren.

 

Was war Ihre Motivation sich mit den Themen sexuelle Obsessionen / Perversionen auseinander zu setzen? Was wollen Sie dem Zuschauer vermitteln?

RR: Sexualität ist ein universelles Thema, das leider allzu oft nur zur

Quotensteigerung thematisiert wird. Ernsthafte Auseinandersetzung – auch mit dem

uns Fremden – findet meist nicht statt. Pervers kommt vom lateinischen „perversus“

(verdreht) – also erst einmal nichts Negatives. In unserer Gesellschaft wird „pervers“

aber meist abwertend verwendet. Pervers sind für mich eher Begriffe aus der Politik

und unserer Sozialmoral. Für mich ist ein Mensch, der sich jeden Tag in Arbeit,

Familie und Gesellschaft prostituiert, perverser, als ein Mensch, der seine sexuelle

Neigung lebt. Natürlich nur dann wenn er die Selbstbestimmung und die Freiheit des

Gegenüber achtet.

In jeder Stadt existieren die Un-Orte (Stripteaselokale, Swingerclubs, SM-Studios, Puffs), die die Gesellschaft schamhaft verdrängt, aber dennoch besucht. Sexuelle Phantasie verstecken viele sogar vor sich selbst. Sie versuchen, sich der vorherrschenden Meinung anzupassen, ja nicht aufzufallen. Aber dadurch machen sie die Phantasien ja nicht ungeschehen. Sie warten eben auf den nächsten Urlaub, den Fasching oder das Oktoberfest....

Das alles war für uns Motivation genug uns dieses Themas anzunehmen.

 

Wie sehen Sie das Thema Sexualität in Bezug zur heutigen Gesellschaft?

RR: Mitte der 70iger Jahre dachte ich, die Zeit der sexuellen Unterdrückung, oder

dass das überhaupt noch ein Thema ist, sei vorbei und jetzt sei das endlich liberal.

Aber ich stelle v. a. seit den 90igern eine starke konservative Tendenz fest, nur dass

der Schein trügt und die Oberfläche liberal erscheint. Man sieht also auf Illustrierten

nackte Körper, die Leute kleiden sich sexy, aber es ist nichts dahinter. Es ist eine

Sexualverleugnung, die stattfindet, die wahrscheinlich auch politisch gewollt ist. Die

Gesellschaft setzt immer bestimmte Spielräume und solange Sie sich innerhalb

dieser Spielräume bewegen - das meine ich mit Oberfläche – erscheint es liberal.

Aber bewegen Sie sich mal außerhalb, dann werden Sie sehr schnell die Grenzen

erfahren. Ich glaube, dass wir endlich zu einer Toleranz innerhalb der Gesellschaft

kommen sollten, in der eine sexuelle Ausrichtung nicht mehr Grundlage einer

beruflichen und sozialen Beurteilung ist, sondern in der das wirklich privat ist.

 

Der Film spielt ja auch mit einer gewissen religiösen Symbolik. Wo sehen Sie den Bezug zur Religion?

RR: In dieser Gesellschaft sind wir alle, ob wir das wollen oder nicht, ob wir einer Religionsgemeinschaft angehören oder nicht, seit 2000 Jahren von einem christlichen Weltbild geprägt. Und somit auch von 2000 Jahren Sexualmoral, die eine Errungenschaft der römisch-katholischen Kirche ist und die unhinterfragt – woher kommt diese Moral, ist sie gebaut, wer hat sie gebaut, warum wurde sie gebaut – unsere Gesellschaft beeinflusst. Ich bin nicht religionsfeindlich, im Gegenteil, ich denke, jeder Mensch sollte an das glauben, was er möchte. Das ist der erste Verbindungspunkt zur Religion. Der zweite ist, dass Sexualität ebenso eine Suche ist nach Identität, nach Überwindung von Einsamkeit, eine Suche nach sich selbst und einem Ursprung, wie auch immer man ihn nennen mag. Religion und Sexualität haben einen großen Bezug, wenn man ihn akzeptiert.

 

Neben den Hauptdarstellerinnen Marina Anna Eich und Mira Gittner sind  in 24/7 The Passion of Life auch Laiendarsteller zu sehen. Wie verlief das Casting zu diesem Film?

RR: Neben zahlreichen Profischauspielern haben auch einige Personen aus der

Szene an dem Film mitgewirkt. Für die Statisten im Swingerclub wollten wir zunächst

„Nicht-Swinger“ einsetzen. Das wäre meiner Meinung nach aber peinlich geworden.

Wer es nicht gewohnt ist im Tigertanga und Reizwäsche auf Barhockern zu sitzen –

und dabei auch noch natürlich wirken soll -, wird an dieser Aufgabe scheitern. Also

haben wir den Swingerclubbesitzer gebeten, unter seinen Gästen zu fragen, wer

Interesse daran hat in einem Film mitzuwirken. Danach hat es viele Gespräche und

eine letztendliche Auswahl gegeben. Die Dreharbeiten waren sehr angenehm, weil

es allen Beteiligten viel Spaß gemacht hat. Im SM-Studio haben die Gäste sehr

schnell mitbekommen, dass Dreharbeiten im Gange waren. Der Eine oder Andere

hat uns angesprochen und wir haben zwei von ihnen ausgewählt.

 

Wie kamen Sie zum Film?

RR: Ich habe 20 Jahre lang als Schauspieler, Autor und Regisseur in Deutschland

und auf internationaler Ebene Theater gemacht. Wenn ich etwas sagen wollte,

schrieb ich ein Stück und inszenierte es. Irgendwann kam der Punkt, an dem mir

bewusst wurde, dass die Bühne beschränkende Grenzen hat, die überschritten

werden sollten. So kam ich zum Filmemachen, weil mir Kino die kreative Freiheit gibt

und es viel näher am Zuschauer ist als das Theater. Für mich ist Filmemachen ein

Dialog und es ist näher an mir selbst. Jedoch, wie ich mich selbst nicht völlig

verstehe, verstehe ich auch meine Filme nicht völlig. Auch wenn die Filme, die ich

mache, eine erkennbare Handschrift haben, so hängt der Stil und die Handhabung

des jeweiligen Films vom Thema ab und das unterscheidet sich vom einem zum

anderen.

 

Was ist Ihr nächstes Projekt?

RR: Zurzeit recherchiere ich zusammen mit Mira Gittner zu dem Thema

Bewußtseinskontrolle. Es ist ein spannendes Thema, das wieder ein heißes, wenn

auch nicht sexuelles, Thema anpackt. Es geht um Manipulation, Geheimforschung

und Politik. Hier wäre die Frage nach der „Perversion“ angebrachter.

Auszug aus Publikumsdiskussion - Hofer Filmtage

Auszüge aus den Diskussionen mit dem Publikum während der 39. Hofer Filmtage 2005

Zuschauer 1: Bei Leuten, die mit SM nicht viel zu tun haben, könnte doch eigentlich der Eindruck entstehen, dass so was nur über die finanzielle Schiene läuft, also nur im Domina-Studio, halt nur so im horizontalen Gewerbe.

Roland Reber: Nein. Die ist ja die kleinste SM-Szene, die professionelle. Die private SM-Szene ist ja viel größer. Nur da hätten wir folgendes Problem, rein dramaturgisch. Ich zeige Sie jetzt, als Beispiel. Dann wird da hinten der SMer oder hier vorne ein SMer sagen, ja halt, aber ich bin ganz anders. Das stimmt nicht, also so, so bin ich nicht. Also hätten wir Dutzende von Geschichten erzählen müssen in Dutzenden von verschiedenen Surroundings und wir hätten zu jedem eine Geschichte erfinden müssen, was dann also Soweit die Füsse tragen geworden wäre.

Mira Gittner: Es ist in dem Fall wirklich ein neutraler Ort.

Zuschauer 1: Vielleicht, ja.

Mira Gittner: Weil, man kann einfach nicht die ganze SM-Szene zeigen. Darum geht es auch nicht in dem Film. Wir wollten kein dokumentarisches Abbild der ganzen Vielfalt der SM-Szene machen, sondern es ist ein Film über zwei Frauen und eine davon ist Domina in einem Studio.

Roland Reber: Ich kann mich noch sehr gut an die Zeit der 70iger erinnern, und da waren Filme wie z. B. die von Rosa von Praunheim politisch unheimlich wichtig. Ich habe aber gedacht, die Zeit wird langsam vorbei sein, es wird eine Liberalisierung eintreten, irgendwann braucht man keine Thematisierung des Themas Sexualität mehr, weil wir so liberal geworden sind, weil wir so tolerant geworden sind, dass es nicht mehr notwendig ist. Ende 80 fing es an, 90iger waren ganz schlimm und wir bewegen uns immer mehr auf eine restriktive Gesellschaft zu und keiner merkt es. Oder die, die es merken, sagen es nicht. Und da man solche Themen meistens diffamiert darstellt, meinetwegen ein SM-Studio ist ja meistens ein Tatort, man findet eine Leiche dort oder den Täter dort, aber es wird ja nie als real existierender Ort mit vollkommen normalen Menschen dargestellt, die sie letztendlich alle sind.

Zuschauer 3: Es gibt aber auch einen Fortschritt. Schauen Sie mal in die 50iger und 60iger Jahre und schauen Sie heute.

Roland Reber: Ja, die Oberfläche.

Zuschauer 3: Nicht nur die Oberfläche, es hat sich auch unter der Oberfläche etwas verändert. Es hat sich auch an der Oberfläche nur zum Teil was verändert und es hat sich auch nur was verlagert, aber die Gesellschaft heute ist eine andere als in den 50iger und 60iger oder auch Anfang der 70iger Jahre und die individuellen Möglichkeiten sind heute schon größer als die, so wie sie damals waren. Es ist vielleicht noch nicht alles erreicht, stimme ich Ihnen auch zu, ich würde mir auch einiges anders wünschen als heute, aber der Weg, der da zurückgelegt worden ist, ist doch erkennbar.

Roland Reber: Sehen Sie, weil mein Thema die Toleranz ist, kann ich das nur noch mal wiederholen, an der Oberfläche haben Sie vollkommen recht. Aber wenn Sie heute zum Beispiel durch Hof, durch München, durch Frankfurt laufen würden und würden sagen, ich bekenne mich zu meiner Obsession, ich bin Smler, ich bin das und das, dann werden Sie die Grenzen sehr schnell sehen und die Nicht-Fortschrittlichkeit. Sondern die Gesellschaft setzt immer bestimmte Spielwege, bestimmte Spielräume und solange Sie sich innerhalb dieser Spielräume bewegen – und das meine ich mit Oberfläche – hat sich heute viel verändert. Aber bewegen Sie sich mal außerhalb und Sie werden sehen, wo die Restriktion in dieser Gesellschaft noch vorhanden ist. Sprechen Sie mal mit den Betroffenen, gehen Sie mal näher ran.

Zuschauer 3: Gut, Sie müssen dann aber auch schauen, in welcher Art und Weise artikuliere ich mich. Artikuliere ich mich in einer Weise, die vielleicht gerade modisch in ist oder die auf einer gewissen intellektuellen, sagen wir mal Metaebene steht, da habe ich es natürlich viel leichter als artikuliere ich mich sehr elementar oder im Sinne des Rests der Gesellschaft eher primitiv. Und es ist auch eine Stilfrage und über die Stilfrage schaffen Sie Akzeptanz oder Sie schaffen Widerspruch. Und da ist es auch, wie bei jedem Marketing, wie vermarkte ich diese Idee oder wie vermarkte ich mich selbst innerhalb der Gesellschaft. Und die einen können das ein bisschen besser, die anderen ein bisschen schlechter oder es gibt bessere Methoden, es gibt schlechtere Methoden. Und deshalb möchte ich das auch nicht so pauschal akzeptieren, was Sie gesagt haben.

Roland Reber: Für mich ist es so, alles was erwachsene Menschen freiwillig, mit der großen Betonung auf freiwillig, tun, sollte diese Gesellschaft, sollte überhaupt jede Gesellschaft als eine natürliche und legitime Ausdrucksweise der Richtung, der Obsession, nennen Sie es wie Sie wollen, tolerieren und das ist eben nicht der Fall.

Zuschauer 3: Das hat aber auch Grenzen. Wenn zwei Menschen sich freiwillig, nehmen wir diesen Kannibalen da oder so was, also einer lässt sich praktisch zerstückeln und aufessen, das ist eine Grenze, die nicht überschritten werden darf in der Gesellschaft, auch wenn zwei Leute gesagt haben, okay, wir machen da sogar einen Vertrag drüber und so weiter. Auch das, die Freiheit des Einzelnen hat auch Grenzen in der Gesellschaft. Sonst ist ein Zusammenleben nicht mehr möglich, sonst ist ein sinnvolles Funktionieren der Gesellschaft nicht möglich.

Roland Reber: Gut, nur ich sprach von sexuellen Obsessionen, das wäre jetzt eine Frage, die müsste an Rosa von Praunheim gehen, weil der hat das ja in seinem Film thematisiert.
Und Angst, Abwehr entsteht ja immer nur, weil wir es nicht kennen, weil es fremd ist. Und ich finde es sehr bedenklich im 21. Jahrhundert, wo ich 1975 schon gedacht habe, das sind alte Kamellen, ist es wirklich passiert, dass wir gesagt haben, wir drehen einen Film, der unter anderem in einem Domina-Studio spielt, und dann kam etwas, da hörte der Spaß auf, denn die haben dann gesagt, ja gut, wenn ihr meint ihr müsstet so was darstellen, Hauptsache sie töten keine Kinder. Und diese Verbindung habe ich nicht von einem gehört, ich habe sie von Dutzenden gehört. Und zwar von relativ intelligenten Menschen. Und da ist mir klar geworden, dass sich eigentlich relativ wenig, an der Oberfläche viel, im Untergrund nichts bewegt hat. Dass es immer konservativer wird und dass vor allen Dingen eine immer größere Abwehr gegen das Fremde stattfindet. Und wenn man endlich aufhören würde, einen Menschen nach seiner Obsession zu beurteilen. Wenn man einfach sagen würde, solange jemand etwas freiwillig tut und auf ein freies Individuum keinen Zwang ausübt, soll man ihn tun lassen und man braucht es noch nicht mal zu thematisieren. Aber anscheinend ist das alles wieder rückläufig.

Zuschauer 4: Es bleiben ja alle auf der Suche in diesem Film. Alle bleiben auf der Suche. Die Smler in dem Film sind vielleicht noch die, die am ehesten zeigen, dass sie sich selber auf diese Suche begeben haben, ganz bewusst.

Roland Reber: Ich glaube jeder, der sich definiert oder beginnt zu definieren ist ein Stück seiner Befreiung näher, ja. Weil sehr viele ja vor sich selbst den Schleier legen. Wenn ich jemanden frage, hast du eine Obsession, was sind deine Sehnsüchte, deine innersten Wünsche, dann belügen die Menschen ja nicht mich, sondern zum Teil sich selbst mit ihren Antworten. Und wenn jemand beginnt sich zu definieren, sei es gesellschaftlich, sei es sexuell, ist er ein Stück dieser Befreiung – er ist nicht frei, er ist nicht nicht-einsam – aber er ist ein Stück der Nicht-Einsamkeit vielleicht näher gekommen.

Zuschauer 2: Wieso ist das religiöse Thema so stark? Kreuzigung, Mozart und Requiem etc.

Roland Reber: Ich finde, dass, ob wir glauben oder nicht, ob wir einer Religionsgemeinschaft angehören oder nicht, dass wir alle von einem christlichen Weltbild seit 2000 Jahren geprägt sind, ob wir das wollen oder nicht. Es ist ja auch keine Religionskritik, sondern es ist eine Kirchenkritik und das ist einer meiner Themen, die ich seit vielen Jahren empfinde und auch ungeheuerlich finde, dass wir immer noch einer christlichen Sexual- und Sozialmoral anhängen, die wir weder zu verantworten, die wir nur zu erleiden haben. Das ist der eine Verbindungspunkt zur Religion. Der zweite ist der, dass Sexualität ebenfalls eine Suche sein kann nach Identität, nach Überwindung von Einsamkeit. Religion und Sexualität haben einen riesengroßen Bezug, wenn man ihn akzeptiert. Für mich sind beides Wege des Menschen, seine Einsamkeit zu überwinden. Und bewusst praktizierte Sexualität kann Religion sein.

Zuschauer 5: Das stimmt.

Zuschauer 10: Also ich verstehe den Film so, dass die Personen, so wie sie, wie wir scheinen, dass Sie die kritisieren, dass Sie die hinterfragen.

Roland Reber: Ich hinterfrage nicht nur die einzelnen Personen, ich hinterfrage vor allen Dingen die gesellschaftlichen Zustände. Wir leben in einer Gesellschaft, in der es Un-Orte gibt - also, diese Orte gibt es gar nicht, keiner war je dort, jeder weiß wo sie sind - und die Doppelmoral. Und immer mit dem Finger zeigen, der da, die da macht das und das, ist das und das, und als wir anfingen zu recherchieren hatten wir eigentlich eine ganz andere Geschichte im Kopf, einen ganz anderen Plot, und dann haben wir uns gesagt, bevor wir uns jetzt wieder in die Schiene der traditionellen Darstellung begeben, also Domina-Studio als Tatort, da geht höchstens mal der Kommissar rein, um jemanden zu verhaften, die Domina schwingt immer die Peitsche hat aber hinter ihrem Domina-Gesicht kein anderes, da haben wir gesagt, wir gehen wirklich in die Szene, wir recherchieren wirklich vor Ort, was anfangs nicht ganz einfach war. Dann hat man aber begriffen, wir wollen wirklich die Szene nicht diffamieren, wir wollen auch keinen Sensationsreport daraus machen, es ist keine Fernsehreportage, sondern wir haben wirklich Interesse und dann war uns jede Tür eigentlich offen. Und als Kollegen erfahren haben, wir drehen dieses Thema, kamen zum Beispiel Fragen auf: Wie schützt ihr euch? Da haben wir gesagt, vor was sollen wir uns schützen, vor wem? Ja, wenn ihr da hingeht, die sind ja nicht normal. Also die haben sich vorgestellt, wenn man Leute besucht, die zum Beispiel in ein Domina-Studio gehen oder die SM praktizieren, dass das furchtbar gefährliche Menschen sind, bizarre Menschen, die eigentlich überhaupt kein Leben haben. Wir haben genau das Gegenteil festgestellt. Jeder von Ihnen könnte es sein. Man sieht es nicht. Es sei denn, es ist ein spezieller Anlass, dass sie auf einer Fetisch-Veranstaltung sind, dann ziehen sie sich entsprechend an. Aber jeder von Ihnen könnte es sein. Es sind Menschen wie Sie und ich. Und da fingen wir an nachzudenken und haben dann auch Geschichten gehört, wie zum Beispiel die von Elfriede, und haben gesagt, es geht uns nicht um Realismus, es geht uns nicht um einen Dokumentarfilm. Wir wollen eigentlich ein paar Dinge erzählen und benutzen das als Symbol. Als Symbol für eine Suche. Die Suche nach sexueller Identität eigentlich als generelle Suche nach Identität.

Zuschauer 10: Glauben Sie, dass man diese Suche - dass man die ganz allein angehen kann?

Roland Reber: Ja. Der Betrug oder die Heuchelei, die stattfindet, ist ja nur an der Oberfläche anderen gegenüber. Wenn ich Sie also jetzt fragen würde, gehen Sie in einen Swingerclub, dass Sie in der Öffentlichkeit das nicht zugestehen, würde ich auch nicht als Heuchelei bezeichnen. Sondern das ist ein gesellschaftlicher Schutzmechanismus, der Sie vor viel Ärger schützt. Aber viele Menschen belügen sich selbst. Sie heucheln vor sich selbst. Und wenn Sie beginnen auf irgendeinem Gebiet Ihres Lebens eine Identitätsbestimmung zu machen, zu sagen so bin ich, muss ja nicht stimmen, das ist ja erst mal ein Weg dahin sich zu definieren, dann sind Sie Ihrer Erlösung oder wie immer man das nennen mag, ein Stückchen weiter nähergekommen. Aber das können Sie eigentlich nur allein.
Und wir wurden auch oft gefragt, wie ist das mit Perversen zu arbeiten. Dann habe ich immer wieder gesagt, pervers kommt aus dem Lateinischen und heißt verdreht. Und wenn man sieht, was hier die Norm ist und dass viele Menschen sich einfach nur an einer Norm halten, sie nie hinterfragen, sie nie in Frage stellen, sie nie thematisieren, sondern einfach sagen, das ist die Norm, das ist normal, dann heißt pervers sein ja nur, sich von dieser Achse der Normalität verdreht mal wegwenden, mal gucken, wo ist eigentlich diese Achse der Norm, diese Normachse, und das kann eigentlich nur gut tun.

Zuschauer 12: Mir kam das so vor, die Leute reden viel von Leidenschaft, aber sie wirken nicht glücklich. Ist das so ein Abbild der Szene?

Roland Reber: Nein.

Mira Gittner: Nein, das ist ein Abbild des Menschen, würde ich sagen. Der Mensch in seiner Ganzheit ist ein sehr weites Spektrum. Sexualität ist ein sehr wichtiger Teilbereich, aber ein Teil-Bereich und nicht alles. Man kann jetzt nicht sagen, ich lass mir auf den Arsch kloppen und bin dann ein besserer Mensch oder ein glücklicherer Mensch, funktioniert nicht. Da sind ganz viele Selbstdefinitionen, die gemacht werden müssen. Und es ist ein einsamer Weg. Jeder Mensch ist ein Individuum, es gibt nicht DEN Menschen, deshalb gibt es auch nicht DIE Sexualität und jeder muss diesen Weg für sich alleine gehen und dadurch ist jeder Mensch eigentlich in gewisser Weise einsam. Bei der Figur Lady Maria / Magdalena ist ja genau dieser Zwiespalt, dass sie in ihrer Ganzheit gerne gesehen werden würde, aber die einen sehen nur Lady Maria und die anderen nur Magdalena und da fehlt ihr das Glück der Ganzheit. So würde ich das sehen.

Zuschauer 13: Für mich kam es so vor oder so habe ich es interpretiert zumindest, dass Lady Maria im Film ja versucht im Prinzip, den anderen den Weg vorzugeben, sie selber aber auch gleichzeitig, zum Beispiel durch dieses Buch, das sie da liest – Der Matrix-Code -, für sich ein bisschen das Leben versucht zu encodieren, quasi auf die eigene Lösung zu kommen.

Zuschauer 6: Wie sind die Schauspieler überhaupt damit rangegangen, also ich meine das ist ja doch ein eher ungewöhnliches Thema, wo man ja auch vielleicht eigene Barrieren überwinden muss.

Mira Gittner: Also meine größte Barriere - die einzigste „Barriere“ - war, auf diesen hohen Schuhen laufen zu müssen. Und ich habe gesagt, wenn ich die Domina spiele, dann möchte ich mich auch nicht lächerlich machen. Ich bin davor noch nicht mit der SM-Szene in Berührung gekommen, also habe ich einfach im Studio angefragt, ob ich ein paar Tage mitmachen kann. Und dann habe ich dann drei Nächte als Gast-Domina assistiert, wollte die Atmosphäre spüren, wollte, dass es für mich vor allem natürlich wird, dass ich das auch authentisch spielen kann und so ist dann die Rolle entstanden. Ich würde das also auch für eine Bäckermeisterin oder Ärztin machen, wenn ich keine Ahnung davon habe. Meine Art des Spielens ist nicht die Distanz, also schaut her, ich spiele jetzt eine Domina, aber ich habe damit nichts zu tun, ich mach auch „so was“ nicht. Ich will authentisch spielen und das war für mich dann so die Vorbereitung.

Zuschauer 7: Was ist das für eine Erfahrung?

Mira Gittner: Es war sehr, sehr spannend. Es ist eine unheimlich friedlich ruhige Stimmung - in diesem Studio zumindest - gewesen und was mich sehr fasziniert hat, ist die Kommunikation und der Austausch, der stattfindet und der spielerische Umgang mit Sexualität.

Zuschauer 11: Hat sich da was verändert für euch?

Mira Gittner: Also es ist nicht „ansteckend“.

Marina Anna Eich: Nur die Einstellung, dass einige Klischees, weil wir vorher auch damit nichts zu tun hatten, dass die Klischees einfach nicht stimmen. Das sind wirklich ganz normale Menschen, das ist sogar sehr viel intimer, sehr viel zärtlicher wie jetzt vielleicht in manchen Ehebetten. Meine Meinung.

Roland Reber: Die Mira zum Beispiel sagte nach ihrer ersten Nacht als Gast-Domina, ach war das poetisch. Und dann hat sie Sachen geschildert, wo ich mir beim besten Willen die Poesie nicht dabei vorstellen kann und dann hat sie gesagt, ja dann müsst ihr da mitgehen, das müsst ihr selber erleben. Und dann waren wir während der Dreh-Pausen im Studio bei ein paar Sessions und waren quasi Voyeure, die dabei sein durften und ich muss sagen, ich war sehr beeindruckt von dieser Kommunikation, die da stattfindet, verbal und non-verbal. Und da war dann plötzlich auf beiden Seiten das Vertrauen da.

Zuschauer 11: Und vorher war eine Angst, oder?

Roland Reber: Nein.

Mira Gittner: Vor was?

Zuschauer 11: Also ich finde das – ich will nicht missverstanden werden – also ich finde das wunderbar, dass das Thema hier so behandelt wird, aber ich hätte da schon sehr schweißige, schwitzige Hände, wenn ich das erste Mal dahin, wenn ich mich entscheiden würde jetzt das erste Mal da hinzugehen. Also mich würde das emotional ganz schön durcheinanderbringen, erst mal.

Mira Gittner: Also es herrscht da eine unheimliche Ruhe und eine unheimliche Friedlichkeit. Weil einfach die Menschen, die da reingehen, wissen, dass sie da reingehen, es gerne machen, es freiwillig machen und da ihre, ja, ihre Befriedigung finden und das strahlt insgesamt unheimlich ruhig aus. Also es ist eine sehr friedliche und ruhige Atmosphäre und sehr locker auch und sehr lustig auch teilweise.

Roland Reber: Und das finde ich überhaupt ganz wichtig, wenn man sich einem Thema nähert, man sollte erst mal alle Vorurteile sammeln, die man selber hat, die in einem selber sind, und sollte die auch richtig gut pflegen. Und wenn man aber dann dahin geht, egal an welchen Ort, also das hat jetzt nicht nur mit dem Thema, das hat mit jedem Thema zu tun, dann sollte man sich absolut freimachen, als wäre man der größte nichtwissende Idiot und die andere Seite voll zulassen, einfach gucken, was passiert. Dann sollte man wieder ein paar Tage Pause machen und dann sollte man ernsthafte Gespräche beginnen. Nur das befreit einen selbst von dieser Matrix, der wir ständig unterliegen. Dass wir immer denken, wir wissen, was da los ist – meistens wissen wir es nicht. Es ging mir aber auch darum, dass jetzt nicht ein Film entsteht, der sagt, haut euch auf den Arsch und dann seid ihr frei. Geht in einen Club und danach ist alles paletti, nein. Sondern mir ging es auch um das Thema, das mich mein ganzes Leben begleitet, die Einsamkeit, mit der wir dem Leben gegenüberstehen. Egal, ob wir ein wunderbares Team haben, egal, wie unsere Privatbeziehung aussieht, wir bleiben letztendlich einsame Tiere. Und die vielleicht etwas befriedigter wie jemand, der es nicht lebt.
Es ist auch so, dass ich jetzt nach den Dreharbeiten des öfteren gefragt wurde, wie kriegst du die Schauspieler soweit? Die Frage müsste genau andersrum lauten. Wenn wir einen Stoff wie den jetzt angegangen sind, war es jedem Darsteller, jedem freigestellt, was er selbst anbietet. Es gab einen Notplan, quasi ein Minimum, das hätte erfüllt werden müssen, damit die Geschichte noch irgendwie transportiert werden kann. Aber ich bin kein Dompteur. Ich verstehe Regie auch nicht als Dressur, sondern wir setzen uns dann zusammen, es ist ein Urtext da, der dann später ganz anders aussehen kann, und jeder Schauspieler, jede Schauspielerin macht ihre Darstellungsvorschläge, wie sie die Rolle gern darstellen würde, wo man noch was dazuschreiben muss oder vielleicht was wegnehmen und meine Aufgabe war während den ganzen Dreharbeiten, also was die sexuellen oder die Studio-Szenen betrifft, immer zu bremsen. Bestes Beispiel Christoph Baumann, der den Jesus spielt. Der wollte unbedingt jede Szene nackt spielen. Und das waren so endlos lange Diskussionen, Windel oder nicht Windel, und daraufhin habe ich eine Strategie entwickelt, die sah so aus, dass ich sagte, gut Christoph, wir machen einen Kompromiss. Wir alternieren. Windel – nackt – Windel – nackt. Und habe dann alle Szenen, die nackt waren, sinnlos geschrieben, dass man sie später rausnehmen kann. Beim Christoph auch ganz interessant als Anekdote. Der Christoph kam in den ersten Tagen in dieses Studio und strahlte nur aus: „Mein Gott. Was Menschen alles so treiben“. Und ich dachte, geht das, kann er die Rolle spielen, weil man merkte richtig den inneren Kampf und diese Distanz. Er guckte die Peitschen an, er guckte die Streckbank an und in seinem Gesicht war nur: “Nein, nein, dass es so was alles gibt.“ Am zweiten Tag dachte ich, vielleicht muss ich mich mit dem Christoph zusammensetzen – ich fand ihn aber nicht. Mein erster Gedanke war, er ist geflohen und es kommt jetzt gleich ein Anruf: „Nene.“ Nein, der hing an der Decke. Weil er hat eine Domina getroffen und hat gefragt, für was ist das. „Ja da kann man jemanden mit hochziehen.“ Also ließ er sich da hochziehen. „Tut das gut. Das tut aber meinem Rücken gut.“ Er sah das ganze als Gymnastik. So, das meine ich. Jeder nähert sich seiner Rolle an, wie er das für richtig hält. Und oft haben wir auch einen Drehtag abgesagt. Wenn ich merke, die sind nicht gut drauf oder es kommt nichts oder jetzt müsste der Dressurakt kommen, dann lassen wir es lieber bleiben, dann gehen wir lieber was trinken oder essen und lassen uns da Zeit.
Und auch in der Postproduktion haben wir auch eine etwas andere Arbeitsweise. Ich entwickle die Ideen mit, mache die Regie bis zum letzten Drehtag und dann ist der Film für mich erledigt. Also, ich bin nicht im Schneidestudio, ich rede da überhaupt nicht rein, weil ich vom ersten Film an ein großes Vertauen in die Mira habe und weiß beim Schneiden, beim Komponieren des Films, so würde ich es nennen, verderben viele Köche den Brei. Und dann ist die Mira für drei Monate eigentlich nicht anwesend. Sie ist in ihrem Schneidestudio und dann irgendwann gibt es den ersten Rohschnitt und das einzige was ich dann tue, ich habe das Privileg, es als erster sehen zu dürfen. Und dann reden wir darüber und besprechen Änderungen und dann ist die Mira wieder verschwunden für einen Monat und dann zeigt sie mir das, was dann die Endfassung ist. Weil ich glaube an das Prinzip. Ich glaube daran, dass, wenn man mit Menschen zusammenarbeitet, egal auf welchem Feld, also auch beim Film, soll man immer auf die Einzelpersönlichkeit sehr viel wert legen. Man sollte nicht sagen, ich bin der Zampano und ihr habt alle dieser Idee zu folgen, sondern man sollte das Vertrauen, das Zutrauen und die Freude haben, mit Leuten zusammenarbeiten zu können, wo jeder auf seinem Gebiet was versteht. Und meine Aufgabe ist mehr die eines Dirigenten, der viele sehr gute Solisten dirigiert und nicht alle Instrumente versucht zu spielen. Da muss man sich dann auch zurücknehmen.
Und wenn wir einen Film machen, dann entsteht ein Minidrehbuch, das ist winzig dünn, winzig klein, und gilt eigentlich nur als Alibi, dass wir anfangen. Und dann treffen wir Leute, der Kreis erweitert sich. Durch die Recherche, weil wir machen beides gleichzeitig, kommt plötzlich eine neue Geschichte dazu, die wir uns gar nicht ausgedacht haben, sondern die wir erlebt haben, die wir jetzt umformen. Dann schreiben wir drei, vier, fünf Seiten, die werden ganz normal geprobt, als hätte es tatsächlich ein Drehbuch gegeben und dann kommt die nächste Drehwoche, also es entsteht Stück für Stück. Und da fließen viele intellektuelle, manchmal auch nur Geschwätz rein, aber letztendlich entscheiden wir ganz aus dem Bauch, die Szene machen wir so, machen wir so. Und oft sehr lange, nachdem ein Film fertig ist, finden wir dann irgendwann auch noch eine intellektuelle Erklärung, warum er so ist, wie er ist.

Zuschauer 7: Nun gut, nun sind das ja Themen, die sagen wir mal auf intellektueller Ebene seit langer Zeit auf verschiedenen Ebenen diskutiert werden. Soziologen, Philosophen, was weiß ich was alles, Religionswissenschaftler, alle möglichen Leute, die sich da Gedanken darüber gemacht haben. Die erste Frage wäre, stützt ihr euch auf solche Thesen, solche Erkenntnisprozesse? Und auf der anderen Seite, wenn ihr sagt, ihr geht so in die Praxis rein, ihr macht in Swingerclubs, in SM-Clubs und wo auch immer Recherchen, da waren ja wohl auch Leute dabei, die da mitgespielt haben, die ihr aus dieser Recherche irgendwie gewonnen habt, hat man dem Abspann entnehmen können –

Roland Reber: Ja.

Zuschauer 7: Da ist ja dann eine ganz praktische Geschichte auf einmal, auf der einen Seite die theoretische Erkenntnis und auf der anderen Seite die praktische Lebenserfahrung, die vielleicht auch eine Art von Erkenntnis ist. Wie kommt das zusammen? Oder auf was stützt ihr euch? Wenn du jetzt so sagst am Schluss, okay, der Film entsteht so beim Machen, da kommt da mal was dazu und hinterher haben wir eine Theorie, das glaube ich bei so einer Frage nicht. Also wenn du sagst, du kannst über Religion und Sexualität und Leben solange reden, verstehe ich auch sehr gut, dann glaube ich das nicht, dass man so einen Film nur so machen kann ohne eine Idee zu haben, die irgendwo einen Punkt vielleicht hat, der sich vielleicht ein bisschen verschiebt.

Roland Reber: Dein Unverständnis kommt glaube ich daher, wenn man sich vorstellt, es gibt den Punkt X, den Startpunkt. Und da ist man ein unbeschriebenes Blatt und fängt dann an zu recherchieren und wird immer beschriebener. Das ist ja nicht so. Sondern wir sind ja ein Team, das seit sehr langer Zeit zusammenarbeitet und da geht es immer wieder um die gleichen Themengruppen. Zum Beispiel unser nächster Film geht über Bewusstseinskontrolle und über Manipulation des Bewusstseins. Das fangen wir zwar jetzt an zu konkretisieren, aber das ist unser Thema seit 5 Jahren. Und so ist auch das Thema Religion, Sexualmoral und christliche Geschichte natürlich ein seht langer Diskurs, der schon lange geführt wurde und wo man dann sagt, du, da gibt es doch diese Abhandlung von Deschner, da gibt es doch die Abhandlung von Bataille und und und. Der eine Gedanke von ihm, kann man den visualisieren, kann man den in eine Szene umbauen. Und das meine ich ja mit dem kleinen Drehbuch, wo man dann sagt, gut, das ist so eine Art Notnagel. Und dann passieren eben Dinge, die niemand voraussehen kann, die auch gar nicht berechenbar sind, wie zum Beispiel, dass wir den ersten Drehtag, der aber nur die Impressionen, nur die Räume und so hatte, in diesem SM-Studio hatten und es war morgens um zwei, wir waren am Abbauen und plötzlich steht ein Landgerichtspräsident neben mir, so sah der aus. Hatte also so einen Trenchcoat an, einen Hut auf, war sehr würdig, ein pensionierter Landgerichtsrat, dachte ich. Und der dröhnte in mein Ohr: „Sir, ich habe eine Bitte.“ Sage ich, ja was kann ich für Sie tun? „Bitte nennen Sie mich Elfriede, ich bin das Dienstmädchen.“ Dann sage ich, ja, wenn Sie – „Nein, duzen Sie mich“. Dann sage ich, gut, wenn es dir hilft. Was kann ich für dich tun Elfriede? Und dann fing der Mann an zu erzählen, er möchte bei dem Film mitmachen, 80 Jahre alt. Dann sage ich, Elfriede, es geht nicht. Seit 80 Jahren weiß kein Mensch, dass du hier im Tütü Elfriede bist. Ich verantworte das nicht, dass zu deinem Lebensabend plötzlich das Coming-Out kommt, damit habe ich nichts zu tun. Das solltest du auch nicht, weil du lebst jetzt in recht glücklichen Verhältnissen, also lass das so. Wir haben aber lange, lange diskutiert. Und dann habe ich gesagt, er soll sich das eine Woche überlegen, weil ich hoffte, dann ist der spinnerte Gedanke weg. Nein, eine Woche später waren wir wieder da. Unbedingt, er hätte eine ganze Woche überlegt, er will dabei sein. Dann haben wir, nur damit er Ruhe gibt und weil jetzt auch klar war, er ist nicht zu bremsen und er weiß was er tut und wir demaskieren ihn nicht, haben wir gesagt, gut, dann darfst du bei der Lady Maria als Staffage hinten dran stehen. Nach zwei Drehtagen kam ich mir sehr schofel vor, eigentlich könnte er ja auch was sagen, muss ja nichts Grosses sein. Und dann hatte er was Kleines und dann dachte ich, das wäre es. Und dann sitzen wir nach einem langen Drehtag morgens um zwei wieder in diesem Aufenthaltsraum der Dominas und der Mann erzählt mir eine Geschichte, die mich umgehauen hat. Dass er bei der Hitler-Jugend war, gar nicht wusste, was das ist, plötzlich ausgewählt wurde, weil er so gern Sport gemacht hat und auf diese Napola kam und plötzlich dabei war, Menschen zu bombardieren. Und sagt aber, er hat sich nichts dabei gedacht. Bis man ihn gefangen hat, ins Gefangenenlager gesteckt hat und ihm erst da klar geworden ist, wessen Geiste er da gedient hat. Und das war so ergreifend, dass wir gesagt haben, das würden wir gerne einbauen. Natürlich nicht als Originalgeschichte, sondern verfremdet. Aber so was kann man nicht intellektuell vorher wissen. So was entsteht.